Vier phänomenale Fälle von Forschungspfusch

Er stellte sich Guttenberg stets als Spitze eines unausgemessenen Eisbergs vor, die zuerst die massenmediale Wasseroberfläche durchbrochen und den Regierungsfischkutter ins Wanken brachte. Die Guttenberg-Affäre stieß die Suche nach weiteren Eisbergen an, vier Plagiatsfälle sind zur Zeit besonders in den deutschen Medien. Bei diesen vier Plagiaten von Guttenberg, Koch-Mehrin, Pröfrock und Saß zeichnen sich vor allem vier erklärungsbedürftige Tendenzen ab:

  • Süddeutsche Universitäten: Die Universitäten Bayreuth, Heidelberg, Tübingen und Konstanz gehören zu den angesehensten Hochschulen Deutschlands, alle werden unter dem Stichwort „Eliteuniversität“ gefördert.[1] Bayreuths Ruf leidet bisher am meisten – doch können die Unis ihre Hände in Unschuld waschen? Ist vielleicht das Elitetum und Elite-Tun selbst ein Grund für den Wahn von der eigenen Genialität, der zum Zudrücken aller Augen führt? Und was taugen die Lehren, die die Unis nun ziehen wollen?[2]
  • Juristische Dissertationen: Bis auf die Volkswirtschaftlerin und Historikerin Koch-Mehrin sind die aufgedeckten Plagiatoren Dr. jur. (gewesen). Sind Juristen wahrscheinlicher Promotionsbetrüger? Haben sie kein Verständnis für Wissenschaft, keine Lust zum ordentlichen Forschen oder keinen Sinn für „geistiges Eigentum“? Sind Juristen so karriereorientiert, dass das saubere Promovieren dabei in den Hintergrund tritt? Oder sind einfach Politik- und Wirtschaftseliten so häufig Juristen, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, juristische Plagiatoren zu finden?
  • Bürgerliche Parteien: CSU, FDP und CDU stellen bisher die Plagiatoren, oder sie zeugen sie, wie im Fall Dr. Edmund Stoiber (übrigens juristische Promotion in Regensburg 1971). Spielt dabei das Karrierebild eine Rolle, die Ansprüche oder die Netzwerke? Sind die juristischen Dissertationen von Nils Schmid oder Reinhard Rauball (SPD), von Andreas Jürgens oder Konstantin von Notz (Grüne), gar von Gregor Gysi (Linke) schon deshalb weniger betrugsverdächtig, weil Mitglieder dieser Parteien dem Promovieren mit anderem Habitus begegnen?[3] Warum hat die Linke außer Gysi keine anderen juristisch promovierten Bundestagsabgeordneten, stattdessen viele philosophische und sozialwissenschaftliche Doktoren in ihren Reihen?
  • Alte Doktorväter: Peter Häberle (* 1934), Volker Sellin (* 1939) und Wolfgang Nikolaus Graf Vitzthum von Eckstädt (* 1941) waren bei der Promotion ihrer Schützlinge über 60, 65 oder sogar 70 Jahre alt. Lediglich Saß‘ Betreuer Georg Jochum (* 1968) war 2008 erst ein Jahr lang außerplanmäßiger Professor. Auch früher schon drehten sich Skandale um alte, vielleicht zu vertrauensselige Doktorväter wie den erzkonservativen Hans-Joachim Schoeps, der 1971 im 62. Lebensjahr Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen promovierte und ihn bald darauf empört verstieß (Erbloggtes berichtete). Sind Senioren zu nachsichtig, zu gutgläubig oder zu leicht zu blenden? Müssen sie nicht mehr auf ihren guten Ruf achten, sondern können die Aufmerksamkeit schleimiger Promotionserschleicher genießen?

Welche dieser Tendenzen wird die Zukunft widerlegen? Welche werden sich durch weitere Plagiatsfälle bestätigen? Wie passen die gesonderten österreichischen Plagiatsfunde von Stefan Webers „Initiative Transparente Wissenschaft“ ins Bild, die in Deutschland wenig beachtet werden? Sind Politiker ein Spezialfall, oder nur besonders aufsehenerregende Fälle, die auch sonst öfter vorkommen als man glaubt? Und wie lassen sich diese Phänomene erklären? Er fragt es.

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7 Antworten zu “Vier phänomenale Fälle von Forschungspfusch

  1. Pingback: Plagiator Nummer 5: Georgios Chatzimarkakis, FDP | Erbloggtes

  2. „[M]an brauche endlich einmal einen SPD-Mann aus dem Norden“,[1] witzeln die VroniPlag-Macher. „Wer sind die Leute, die Deutschlands falsche Doktoren zu Fall bringen?“ Die FAZ hat drei wichtige interviewt.[1] Derweil fordert die SPD die Regierung zum Handeln auf: „[Z]usammen mit den Bundesländern [seien] Kriterien zu Definition, Umgang und Ahndung von Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens auszuarbeiten. Ohne klare Richtlinien könne es passieren, dass je nach betroffener Person / je nach Hintergrund Fälle von wissenschaftlichem Fehlverhalten mit unterschiedlichen Maßstäben bewertet werden“, heißt es.[2]

  3. Pingback: Die Jäger müssen das Wild stellen: Anonymität im Plagiatswiki | Erbloggtes

  4. kleine korrektur: tübingen ist keine „elite-universität“ (über die sinnhaftigkeit des begriffs sowie des dahinterstehenden konzepts, sogenannte elite per proklamation zu schaffen, will ich mich hier auch nicht weiter äußern). sie ist dahingehend am programm beteiligt, dass sie „exzellenzcluster“ hat und m.w. für die neue runde den titel anstrebt. aktuell ist das aber nicht der fall.

  5. Eliteuni kann sich ja in Deutschland nennen, wer will. Tübingen ist in der 3. Runde der „Exzellenzinitiative“ mit zwei „Graduiertenschulen“, einem weiteren „Exzellenzcluster“ und einem „Zukunftskonzept“ mit dabei.[1] Zumindest „elitär“ kann man das gut nennen.

    Die Plagiatoren 5 (Chatzimarkakis, Uni Bonn) und 6 (Djir-Sarai, Uni Köln) sind ebenfalls keine unbekannten Hochschulen, und in der Exzellenzinitiative auch bedacht worden. Aber das gilt für viele Unis (welche haben nichts abbekommen?), so dass das als Unterscheidungskriterium vielleicht gar nichts taugt. Da „süddeutsch“ nun auch nicht mehr allgemein richtig ist, muss man neu über Spezifika von Universitäten nachdenken, deren Strukturen plagiierende Politiker hervorbringen.

  6. klar kann sich jeder „elite-uni“ nennen. meine kategorisierung basiert auf der m.w. gängigen, auch offiziellen, regelung, nach der dieser begriff mit zukunftskonzepten assoziiert ist (welche wohl auch die grundlage für das im artikel verlinkte wikibild ist) und hier hat tübingen noch nichts erreicht, sondern gerade mal wieder einen neuen anlauf genommen, s. z.b.: http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten/hochschule_artikel,-Tuebingen-hat-Chance-als-Elite-Universitaet-_arid,126895.html

    ist aber auch nicht so wichtig

  7. Pingback: Wechselnde Medienaufmerksamkeit in 20 Fällen von Plagiatsverdacht | Erbloggtes

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