Plagiator Nummer 3: Matthias Pröfrock, CDU

Erreichte schließlich der bereits vor Silvana Koch-Mehrin Anfang April 2011 entdeckte Plagiatsfall an der Universität Tübingen den Status „von der Uni entschieden“, so weist das Verhalten der Universität in diesem Fall doch erwähnenswerte Besonderheiten auf: In der heute, 10:31 Uhr veröffentlichten Pressemitteilung der Universität wird in Zusammenhang mit Matthias Pröfrocks juristischer Dissertation zur Energieversorgungssicherheit in der EU das Wort „Plagiat“ nicht erwähnt. Auch sonst erweckt die Pressemitteilung den Eindruck, die Universität habe zwar das Notwendigste unternommen, um ihr Gesicht zu wahren, vermeide es aber, darüber hinaus in klaren, allgemein verständlichen Worten das Ergebnis ihrer Prüfung mitzuteilen.

„Die Untersuchung der Dissertation hat ergeben, dass sie in nicht unerheblichem Maße fremde Texte wörtlich übernimmt, ohne dass dies kenntlich gemacht wurde.“[1]

Die doppelte Verneinung gilt zwar als Stilmittel, das einen Sachverhalt besonders betonen soll, ist in der Öffentlichkeitsarbeit aber weniger deutlich als das schlichtere „in erheblichem Maße“. Zum Vergleich: In der Pressemitteilung zum Fall Koch-Mehrin schrieb die Universität Heidelberg, dass die Arbeit „in substanziellen Teilen aus Plagiaten besteht“[2] und ergänzte:

„Angesichts der Vielzahl und des systematischen Charakters der Plagiate kann kein Zweifel daran bestehen, dass sich Frau Koch-Mehrin in ihrer Dissertation fremdes geistiges Eigentum angeeignet und als das eigene ausgegeben hat.“[2]

Der Tübinger Promotionsausschuss hingegen beschränkt sich auf die juristische Minimalbegründung des Titelentzugs und „geht aufgrund der Schilderungen des Betroffenen zu seiner Arbeitsweise bei der Abfassung der Dissertation davon aus, dass die Übernahme der fremden Texte jedenfalls grob fahrlässig erfolgte.“[1] Zwar schreibt er „jedenfalls grob fahrlässig“ im Sinne von „mindestens, vielleicht aber auch vorsätzlich“, formuliert seine Stellungnahme jedoch so mitfühlend und bedauernd mit dem Plagiator Pröfrock, dass man fast annehmen kann, die Universität wolle ihm demnächst zum Trost einen Ehrendoktor verleihen. Eine empörende Motivlage enthüllt die Universität Tübingen, wenn sie erklärt, den Doktorgrad abzuerkennen, weil sonst die Öffentlichkeit das Vertrauen in die Wissenschaft (an der Uni Tübingen) verlieren würde:

„Da gleichzeitig die Integrität wissenschaftlichen Arbeitens und das Vertrauen der wissenschaftlichen Gemeinschaft, der Studierenden und der Öffentlichkeit in die Richtigkeit wissenschaftlicher Veröffentlichungen bei der Duldung von Verstößen der geschilderten Art erheblichen Schaden nähme, hielt der Promotionsausschuss der Juristischen Fakultät den Entzug des Doktortitels trotz der Schwere der Maßnahme für unausweichlich.“[1]

Diese Formulierung lässt vermuten, dass die Universität Pröfrock gern den Doktor lassen würde, wenn das nicht so einen schlechten Eindruck machte. Demnach entzieht sie den Grad nicht, weil Pröfrock ihn nicht verdient und auf betrügerische Weise erhalten hat, sondern primär um ihr Gesicht zu wahren.

Das skandalöse daran ist, wie professionell Pröfrock diese mangelhafte Klarheit des Tübinger Promotionsausschusses sofort ausschlachtet: Bereits am 4. April hatte er in einer ganz kleingedruckten Stellungnahme verkündet, es seien „vereinzelt nicht korrekt zitierte Textpassagen“[3] gefunden worden. Das kann man so sehen, muss man aber nicht.

Auf über der Hälfte der Seiten hat VroniPlag bis zum 26. Juni Plagiate gefunden.

Auf über der Hälfte der Seiten hat VroniPlag bis zum 26. Juni Plagiate gefunden.

Heute erklärt er, verbunden mit einer Rücktrittsverweigerungserklärung:

„Besonders wichtig ist mir zu betonen, dass ich diese Fehler nicht in der Absicht gemacht habe zu täuschen. […] Auch die Universität Tübingen hat in ihrer Entscheidung eine Täuschungsabsicht nicht festgestellt. […] Den Wählerinnen und Wählern, die mir bei der Landtagswahl das Direktmandat anvertraut haben, verspreche ich, alles daran zu setzen, verloren gegangenes Vertrauen wiederzugewinnen. Ich werde weiter engagiert und konstruktiv für das Wohl meines Wahlkreises und seiner Bürgerinnen und Bürger arbeiten.“[4]

Wo ist die Petition, um ihn zum Rücktritt aufzufordern?

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14 Antworten zu “Plagiator Nummer 3: Matthias Pröfrock, CDU

  1. An sich finde ich es natürlich schlecht, wenn ein Politiker oder sonst wer in seiner Doktorarbeit abschreibt oder sie von einem Ghostwrighter verfassen lässt, aber das hat N I C H T S mit den Qualitäten als Politiker zu tun (z.Bsp. Fall Guttenberg).
    Es kommt mir so vor als würden inzwischen Politiker durch Plagiatsvorwürfe – ob wahr oder nicht- aus dem weg geräumt würden. Letzeres wiederum ist meiner Meinung nach Rufmord…

  2. Da krieg ich Plag

    Nee, ist klar: Wer auf Kosten anderer (Prüfer, Universität, ehrliche Promovenden) für einen persönlichen Vorteil betrügt und hierüber dann auch nach Enttarnung noch die Öffentlichkeit belügt, bei dem kann man sicher davon ausgehen, dass er in seiner politischen Arbeit immer ehrlich ist…

    Ich werde diese Trennung zwischen Politiker und Akademiker nie begreifen. Wer plagiiert und darüber lügt, stellt sich selbst ein verheerendes Charakterzeugnis aus. Soll das ernstlich bei der Bewertung der politischen Eignung gar keine Rolle spielen?

  3. Wenn die Qualität eines Politikers N I C H T S mit Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Sein (statt schnöden S C H E I N) zu tun hat, dann … gute Nacht Deutschland 🙂 (und auf den Kater am nächsten Tag warten)

  4. @Groxi: Ich hege starke Zweifel an Ihrer Theorie. Meinen Sie wirklich, dass es eine Internet-Verschwörung gibt, um so unwichtige Politiker wie Chatzimarkakis (Nr. 5), Djir-Sarai (Nr. 6) oder Pröfrock (Nr. 3) „aus dem Weg“ zu räumen? Aus wessen Weg? Sind es vielleicht die Parteifreunde, die nachrücken, die solche Aus-dem-Weg-räum-Aktionen initiieren – schließlich haben die den größten Gewinn daran. Zum Beispiel Alexander Alvaro.
    Und wie passt es zu Ihrer Theorie, dass auch Nicht-Politiker als Promotionsbetrüger auffliegen? Uwe Brinkmann (Nr. 7), Veronica Saß (Nr. 2) oder M.W. (Nr. 8) sind doch außerhalb ihres persönlichen Umfeldes völlig unbekannt, haben keinen politischen Gegner.
    Der Ruf der Plagiatoren stirbt eines natürlichen Todes. Außer, sie helfen selbst tatkräftig nach, indem sie sich in ihre Lügengebäude verstricken oder anderen alle Schuld an ihren eigenen Verfehlungen zuweisen. Das wäre dann Rufselbstmord.

  5. Pingback: Plagiator Nummer 2: Veronica Saß legt Widerspruch gegen Doktor-Entzug ein | Erbloggtes

  6. @ meine Nachredner:
    Ich meine nur, dass die Qualitäten als Politiker nichts mit dem reinen Vorhandensein bzw. der Richtigkeit einer Doktorarbeit zu tun haben. Mit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit natürlich schon (Wobei ich finde dass Hr. zu Guttenberg trotz allem ein guter Politiker war/ist. Wahrscheinlich hat er in jenem Gespräch mit der Bundeskanzlerin schon seinen Phönix-aus-der-Asche auftritt in einigen Jahren geplant.). Meine „Theorie“ besagt, dass Politikern mit derartigen Vorwürfen absichtlich geschadet wird und nicht dass nur Politiker betrügen.

    Ich habe nichts von einer Internet-Verschwörung gesagt sonder meinte eher politische Gegner. Natürlich sind auch nicht für jede Aufdeckung von Plagiaten politische Gegner verantwortlich („Und wie passt es zu Ihrer Theorie, dass auch Nicht-Politiker als Promotionsbetrüger auffliegen? „) Man kann ja auch z.B. nicht nur beim Boxen verletzt werden…

    „Sind es vielleicht die Parteifreunde, die nachrücken, die solche Aus-dem-Weg-räum-Aktionen initiieren – schließlich haben die den größten Gewinn daran. “ Ja, durchaus, ich muss zugeben an diese möglichkeit noch gar nicht Gedacht zu haben. Guter Gedanke!

    PS: [Hitlervergleich entfernt]

    Groxi

  7. PS: Das „PS“ von oben bitte einfach wegdenken, ich hatte vergessen es zu entfernen, es ist ja schließlich schon spät…

  8. Qualität ist das, woran man sich beim Kauf einer Ware orientiert. Bei Politikern ist Qualitätsmerkmal Nr. 1 Ehrlichkeit. Wenn die nicht gegeben ist, dann kann man gleich davon ausgehen, dass sich ein Politiker ausschließlich strategisch verhält und sowohl mich als auch seine „Grundsätze“ oder „Werte“ als auch seine eigene Großmutter verkauft, wenn ihm das Gewinn verspricht.
    Die Plagiatoren haben nicht nur durch Plagiatsbetrug die Wissenschaft verkauft und ihre Unehrlichkeit offenbart, sondern auch durch ihr Verhalten nach der Aufdeckung.
    Manch linker Kommunalpolitiker scheint den Zusammenhang von Unehrlichkeit abseits des Amts und Glaubwürdigkeit als Amtsträger noch zu kennen und sieht sich bereits nach vier Tagen zum Rücktritt gezwungen, weil er beim Diebstahl von zwei Rollen Klopapier erwischt wurde. Weil dieser Politiker zurücktritt, glauben Sie doch auch nicht an eine Kampagne des politischen Gegners.

    P.S.: Schön, dass Sie selbst sehen, wie unangemessen Ihr PS war!

  9. Das mit dem Hitlervergleich ist zwar weiterhin meine Meinung, aber ich denke, dass das nicht hierher gehört. Sobald man etwas derartiges in der BRD sagt wird ja nicht einmal darüber nachgedacht sondern gleich niedergestampft, aber wie gesagt, das gehört woanders hin nicht hier und hat auch nichts mehr mit den Plagiaten zu tun…

  10. Rainer Wehaus schreibt heute in den Stuttgarter Nachrichten: Doktorarbeit. Ermittler zweifeln an Pröfrocks Version. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun unter anderem, ob Pröfrock vorsätzlich gehandelt hat.

  11. Prüft ob er mit Vorsatz gehandelt hat??? Kann man denn aus versehen abschreiben?Deutsche Bürokratie mal wieder… *kopf schüttel*

  12. das Aussitzen im Landtag BW von Matthias Pröfrock, CDU Waiblingen, Wahlkreis 15 sagt doch alles! Moral, Charakter, Anstand -dass Wort/ Begriff ist wahrscheinlich nicht bekannt- und Ehrlichkeit, alles Vergangenheit, für solche Menschen sind das Fremdwörter. Ich schäme mich, dass ich dieser Partei das letzte Mal meine Stimme gegeben habe. Ich verspreche und das ist mein Wort, das wird mir nie wieder passieren.

  13. Pingback: Wissenschaftliches Verlagswesen. Zwei Geschäftsmodelle im Vergleich | Erbloggtes

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