Selbstbespiegelung im Spiegelblog

Ergab es eine Chance zur kritischen Diskussion über den eigenen Journalismus, wenn das Nachrichtenmagazin Der Spiegel am 22. September ein Redaktionsblog startete,[1] das unter dem Namen Spiegelblog (Eigenschreibweise SPIEGELblog) nicht nur dezent auf das medienkritische Watchblog Bildblog (Eigenschreibweise BILDblog) verweist? Stefan Niggemeier, preisgekrönter Medienjournalist und Bildblog-Gründer, schreibt in seinem eigenen Blog über die Risiken und Nebenwirkungen des Spiegelblog und fühlt sich dabei genötigt, „ein mögliches Missverständnis gleich auszuräumen: Es ist kein Watchblog. Das SPIEGELblog verhält sich zum »Spiegel« nicht wie das BILDblog zur »Bild«-Zeitung.“[2]

Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit

Denn Niggemeier, seit Oktober 2011 Autor für Der Spiegel, ist zusammen mit Marcel Rosenbach für das Spiegelblog verantwortlich und wechselt damit quasi die Seiten vom unabhängigen Medienjournalismus zum Auftragsmedienjournalismus für ein bestimmtes Massenmedium über dieses Massenmedium. Mit einem Kommentator führte Niggemeier bald nach dem Start des Spiegelblog diesen bezeichnenden Wortwechsel:

„Es gibt ein Spiegelblog auf spiegelblog.net schon länger. Wie glaubwürdig und unabhängig ist ein Spiegelblog, das dem Spiegel gehört? Das Bildblog gehört doch auch nicht der Bildzeitung.“
Stefan Niggemeier: „Unabhängig ist das SPIEGELblog natürlich nicht. Aber das bedeutet doch nicht, dass es nicht glaubwürdig ist.“[3]

Es gehört offenbar zu Niggemeiers Job, eine hohe Glaubwürdigkeit des Spiegel ebenso wie des Spiegelblogs zu behaupten. Anders ist die Leugnung der Binsenweisheit, dass fehlende Unabhängigkeit geringere Glaubwürdigkeit bedeutet, nicht zu verstehen. Sich zudem mit gewagten (und als gewagt erkannten) Ansprüchen wie „absolute Aufrichtigkeit, gnadenloses Aufdecken von Schwächen, auch der eigenen, das Infragestellen jedweder Autorität, auch der des eigenen Chefredakteurs“[2] zu schmücken, ohne ein unabhängiges Watchblog zu sein, erscheint bisher vermessen für das offizielle Spiegelblog. Wo das inoffizielle Spiegelblog[4] (Eigenschreibweise ebenfalls SPIEGELblog; es gibt aber noch mehr Watchblogs, die sich auch mit dem Spiegel befassen) unter dem Motto arbeitet „Wissen SPIEGEL-Leser wirklich mehr?“, muss das offizielle Spiegelblog wohl (oder übel) den unhinterfragten, klassischen Werbeclaim „SPIEGEL-Leser wissen mehr“ transportieren.

Der bisher enthusiastisch selbstunkritische (und dabei erschreckend Spiegel-unkritische) Ton des Spiegelblog lässt befürchten, dass es ein weiterer Kanal des Spiegel zum Stricken an der eigenen Legende wird. Das entspricht natürlich dem Zeitgeist: Jeder, der sich für einigermaßen wichtig hält, will auch online Eigenwerbung machen, Kanäle besetzen, die vorher einer Gegenöffentlichkeit zuzurechnen waren. Aber mit kritischer Öffentlichkeit in einer demokratischen Gesellschaft hat das nichts zu tun, vielmehr mit repräsentativer Öffentlichkeit oder refeudalisierter Öffentlichkeit, wie Habermas in Strukturwandel der Öffentlichkeit erläutert.

Dilemma des Medienjournalismus

Medienjournalisten wie Stefan Niggemeier geraten bei solchen Projekten in ein Dilemma: Einerseits können sie sich an einer stabilen – und dauerhaft finanzierten – Plattform für Medienjournalismus beteiligen. Das ist gut für den Medienjournalismus, der in der zeitgenössischen Medienwelt noch nicht die Stellung einnimmt, die ihm sinnvollerweise zukäme. Es ist auch gut für den Medienjournalisten, der sonst viele Ideale und wenig zu beißen, jedenfalls aber wenig finanzielle Sicherheit hat. Andererseits reduziert die Beteiligung an einer solchen Plattform die eigene Unabhängigkeit. Und Medienjournalismus als Public-Relations-Maßnahme für Medien verliert zuerst seine Funktion, dann seine Glaubwürdigkeit, und schließlich sich selbst.

Wie kann man nun Institutionalisierung erreichen und zugleich der geschilderten Gefahr entgehen? Die Befürchtung lautet: gar nicht. Die Hoffnung lautet: durch offensive Blattkritik. In jeder Ausgabe des Spiegel gibt es verschiedene Missstände, die diskutabel sind. Teilweise gehören sie zum Konzept. Erst wenn nicht die kleinen Fehler oder Nachlässigkeiten im Spiegelblog diskutiert werden, oder die Fehler von vor Jahrzehnten,[5][3] sondern der systematische Bias, die medienkritisch analysierbaren Produktionsbedingungen und die Hauspolitik, erst dann wird das Spiegelblog seinen Namen verdienen.

Das vergleichbare Redaktionsblog der Tagesschau[6] tut dergleichen nicht. Trotzdem ist es immerhin lesenswert, da Redaktionsentscheidungen darin begründet werden. Die Redaktion der Tagesschau arbeitet aber auch unter anderen Produktionsbedingungen, in anderen Hierarchien. Für das Spiegelblog wird es entscheidend sein, hausinterne Unabhängigkeit zu erzeugen, damit die kollegialen Rücksichten und wirtschaftlichen Interessen des Spiegel möglichst wenig auf den Inhalt des Spiegelblog durchschlagen. Ein erster Schritt wäre ein eigenes Impressum, oder zumindest die Institutionalisierung des Spiegelblog als eigene Abteilung im Impressum des Spiegel.[7] Dann würde der Leser zumindest merken, wenn Spiegelblog-Mitarbeiter nach einem zu kritischen Artikel plötzlich nicht mehr für das Spiegelblog tätig sind.

Kritisch zu beobachten wird auch sein, wie sich die Arbeit am Spiegelblog auf Stefan Niggemeiers sonstigen Medienjournalismus auswirkt. Er wünscht sich in seinem eigenen Blog, dass der Spiegel „schonungslos selbstkritisch“ sei.[2] Doch es ist zu befürchten, dass unter der Spiegelblog-Tätigkeit des Spiegel-Autors Niggemeier auch die kritische Begleitung des Spiegel im Bildblog leiden wird: Bis Mitte 2011 hat Niggemeier sieben der bis heute zehn kritischen Bildblog-Artikel zu Der Spiegel verfasst (und sicher einige mehr von den 89 Artikeln zu Spiegel Online). Das wird er, so ist zu vermuten, einstellen. Zu hoffen wäre aber, dass das Bildblog, in dem Niggemeier außer als Gelegenheitsautor auch als Herausgeber fungiert, keine Scheu hat, sich als Watchblog weiterhin auch für Der Spiegel zuständig zu fühlen.

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4 Antworten zu “Selbstbespiegelung im Spiegelblog

  1. In Fällen wie Niggemeier wirkt sich in meinen Augen das Maoam-Prinzip aus: „Wir kriegen euch alle!“

  2. Ist das nicht das Prinzip von Danone-Joghurt?

    Ich glaube ja, dass Journalismus grundsätzlich das Problem hat, dass er bezahlt werden muss (oder sich mäzenatisch finanzieren). Bei Medienjournalismus ist dann der Bezahlende notwendigerweise aus dem selben Sektor wie der Gegenstand der Berichterstattung. Das kann zu verschiedenen Konflikten führen.

  3. Oder du machst es wie ich – dann kriegst du aber kein Geld, zumindest nicht aus dem medialen Apparat:
    http://www.stilstand.de/nach-dem-journalismus/

  4. Vermutlich liegt in solchen piratigen Publikationsformen wirklich die Zukunft. Sie widersprechen natürlich meiner Vorstellung von finanzieller Sicherheit, aber die sind allemal kleinbürgerlich.

    Es wäre aber die Frage, ob man mit modernen Mitteln auch Journalismus neu finanzieren kann, und wie wünschenswert das ist.

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