Depublizieren und Redepublizieren

Er dachte schon, der Aufschrei würde sich in Maßen halten. Aber zwei Monate nach Stefan Niggemeiers einflussreichem Hintergrundbericht und eine Woche nach dem ZAPP-Beitrag (er bloggte schon drüber) ist die Medienöffentlichkeit nun deutlich auf das Depublizieren öffentlich-rechtlicher Internetseiten gestoßen worden:

Die Internetseite depub.org veröffentlichte das bereits vor einiger Zeit im Internet kursierende Archiv von tagesschau.de und plant für die Zukunft, auch für die öffentlich-rechtlichen Internet-Angebote br-online.de, hr-online.de, mdr.de, ndr.de, rbb-online.de, radiobremen.de, swr.de, wdr.de und heute.de Archive einzurichten. Dieser klare Rechtsbruch als Ziviler Ungehorsam ist bereits als Ausdruck von Zivilcourage identifiziert worden (er bloggte schon drüber, was Zivilcourage nicht ist). Aber über spektakuläre Verbrechen berichten die deutschen Massenmedien, und offenbar kann man auf diese Weise ein Thema am besten „promoten“, das dazu geeignet ist, allgemein Empörung (was? von unseren Gebühren bezahlt, und jetzt dürfen wir das nicht mal mehr lesen?) auszulösen.[1]

„Robin-Hood-Manier“ ist genau das richtige Wort für diese Technik des kalkulierten Rechtsbruchs aus idealistischen Gründen. Vielleicht ist auch der Begriff „Depublizieren“ gut gewählt, der mit seiner inneren Widersprüchlichkeit eigentlich nur Protest erlaubt.[2] Und immerhin klingt er trotzdem neutraler als etwa „digitale Bücherverbrennung“.

Der dem Depublizieren zugrundeliegende Rundfunkstaatsvertrag wird ohnehin ständig geändert, inzwischen tritt sogar mehrmals im Jahr eine Neufassung in Kraft. Also besteht genug Gelegenheit, dass die Länderchefs sich bald eines Besseren besinnen und den mit mehrstelligem Millionenaufwand betriebenen Löschwahn, ‚tschuldigung, Depublizierungs-Prozess als kurzfristiges multimediales Experiment betrachten und wieder abschaffen.

Er hofft es.

Seit gestern gibt es auch:

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