Düsseldorfer Plagiatsverfahren: Keine Angst vor Transparenz

Erwiesenes Lernverhalten der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ist es, mit der Öffentlichkeit nicht mehr über Vermittlung durch die Presse (in Interviews und Ähnlichem) zu kommunizieren, sondern seit der Hochphase der Causa Schavan vorzugsweise selbst als Medium mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Das zeigt sich auch heute wieder. Doch zunächst ist ein Rückblick auf diese Entwicklung erforderlich, mit der die Universität offenbar durch transparente Kommunikation einer Verdrehung ihrer Botschaften vorbeugen will:

Bittere Erfahrungen mit Lerneffekt

Als sich die Massenmedien reihenweise weigerten, faktische Hintergründe zu recherchieren oder auch nur Stellungnahmen der Universität sachgerecht darzustellen, als diese Massenqualitätsmedien stattdessen die von Prominenz und politischer Macht umwehten, dafür aber sachkenntnisfreien Äußerungen von Schavan-Unterstützern unkritisch nachbeteten und so aufzeigten, wie man heute propagandistisch ein X in ein U verwandeln lässt, da muss sich die Universität entschlossen haben, selbst zum Sender zu werden.

Sie begann mit der für Universitäten untypischen Praxis, so offensiv wie rechtlich möglich die Basisinformationen über Doktorentziehungsverfahren allgemein – und den Fall Schavan speziell – ins Netz zu stellen. Die „Informationsseite: Promotionsprüfungsverfahren Prof. Dr. Schavan“ ist vergleichsweise ein Ausbund an Transparenz. Zu den Höhepunkten zählen Veröffentlichungen unter den folgenden Mottos:

Da Schavan ihre Netzwerke zu vollem Einsatz mobilisierte, gewannen offenbar nicht nur Universitäts- und Fakultätsleitung den Eindruck, dass die legitime Position der Düsseldorfer Universität in den Medien zu wenig präsent sei. Auch Dozenten der Uni äußerten sich in diesem Sinne und setzten die Transparenzinitiative der Universitätsleitung sogar in Eigeninitiative fort, indem sie ein internes Schreiben des Rektors an die Mitarbeiter an die Öffentlichkeit leakten.

Das erwies sich als sehr ergiebige Quelle für die Befindlichkeiten an der Universität, und für die teilweise nicht an die Öffentlichkeit gedrungenen Vorgehensweisen der Schavanisten: Rektor Piper stellte darin fest, dass sich die Uni im „permanenten Belagerungszustand wiederfand“, beklagte die „bis zur Bedrohung reichenden, sehr privaten Nachstellungen und unflätigsten Beschimpfungen“ gegen mit dem Fall Schavan befasste Mitarbeiter, die „mehrfach erfolgten Versuche von Vertretern großer Wissenschaftsinstitutionen […], das Verfahren der Universität in Misskredit zu bringen“ und ähnliches mehr.[1]

Durch den Maulkorb gesprochen

Zuletzt nun hat die Philosophische Fakultät die Informationspolitik in Sachen Doktorentzugsverfahren revolutioniert: Universitäten befolgen typischerweise „das Gesetz der Mafia Omerta“, verlangen also von ihren Mitgliedern, dass „eisern geschwiegen“ wird, und verhängen bei Zuwiderhandeln beispielsweise 1000,- Euro Disziplinarstrafe, weil Reden über Wissenschaftsbetrug für Professoren als „Dienstvergehen“ gilt.[2] Der Grund ist wohl, dass Rufschädigung als schlimmer gilt als Wissenschaftsschädigung, und dass man glaubt, eine Universität, die zugebe, Betrug in den eigenen Reihen zu finden, schade damit ihrem eigenen Ruf.

Die Philosophische Fakultät der Universität Düsseldorf ist nun offenbar aus der Mafia ausgetreten und sucht als Zeugenschutzprogramm die Öffentlichkeit. Kein Wunder, wenn man davon ausgeht, dass die von Rektor Piper beklagten Verfolgungsmaßnahmen durch Schavanisten bis heute nicht aufgehört haben. Wie sollten sie auch? Die Wissenschaftsinstitutionen haben ihre Bemühungen, „das Verfahren der Universität in Misskredit zu bringen“, vielmehr professionalisiert und veranstalten jetzt große Kongresse zu diesem Zweck.[3]

Auf den Fakultätsseiten ist seit kurzem ein „Bericht über Plagiatsverdachtsfälle an der Philosophischen Fakultät der HHU“ downloadbar, in dem der berüchtigte Vorsitzende des Promotionsausschusses, Stefan Rohrbacher, „zu den Fortschritten aktueller Plagiatsüberprüfungen“ Stellung nimmt. Vordergründig wendet sich die Fakultät damit an Promovierende, um sie darauf hinzuweisen, dass – und unter welchen Umständen – es dort zur „Überprüfung von Dissertationen“ kommen kann.[4] Plagiatswillige sind gewarnt, wenn Rohrbacher schreibt:

„Grundsätzlich wird der Ausschuss in jedem Verdachtsfall tätig, der der Fakultät zur Kenntnis gelangt. Dies ergibt sich aus dem bei der Fakultät liegenden Promotionsrecht und der daraus erwachsenden Verantwortung auch für eine nachsorgende Qualitätssicherung im Promotionswesen.“[5]

Doch nur um einen deutlichen Warnhinweis für Promovierende geht es der Fakultät wahrscheinlich nicht. Vielmehr kommuniziert sie durch diesen Bericht mit der Öffentlichkeit über Details ihres Umgangs mit Verdachtsfällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Die einzige Universität Deutschlands, die einen eigenen Maulkorb hat, propagiert auf diesem Wege ihre Haltung zum allgemeinen Plagiatsproblem. Und sie stellt sich damit in offenen Widerspruch zu den im Juni und Juli diskutierten Positionen von DFG, HRK und Wissenschaftsrat.

So beharrt der Vorsitzende des Promotionsausschusses nicht nur darauf, dass Plagiatsverfahren auch weiterhin allein in die Zuständigkeit der Fakultät fallen – die Wissenschaftsorganisationen träumen ja von Zentralisierung. Er lässt auch wissen, dass an der Düsseldorfer Fakultät schon Hinweise aus dem jeweiligen Fach, aus anderen Universitäten, von Internet-Rechercheuren sowie aus der „Mitkenntnis der Diskussion von Befunden auf einer Internet-Plattform“ zur Einleitung von Vorverfahren geführt haben, jedoch:

„Von den Ombudspersonen bzw. von der Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis der HHU sind Hinweise bislang nicht erfolgt.“[5]

Während die angeblichen Allheilmittel Ombudssystem und Universitätskommission an einer Fakultät, die seit Oktober 2011 „in ununterbrochener Folge mit der Aufarbeitung solcher Fälle beschäftigt“ ist, zu dieser Aufarbeitung also bisher nichts beigetragen haben (warum das so ist, steht nochmal in dieser Diskussion), hält man es in Düsseldorf für selbstverständlich, dass auch anonyme Hinweisgeber einen solchen Beitrag zur Wissenschaftshygiene leisten können:

„Ausschlaggebend ist allein das Vorliegen substantiierter Hinweise, nicht die Herkunft dieser Hinweise.“[5]

Doch der Düsseldorfer Promotionsausschuss begnügt sich nicht mit der Entgegennahme von Hinweisen, gleichgültig ob anonym oder nicht, er bemüht sich offenbar auch um „Mitkenntnis der Diskussion von Befunden auf einer Internet-Plattform“. Das bedeutet vermutlich, dass die Düsseldorfer mit den Ermittlungen wegen „substantiierter“ Plagiatsindizien bereits begonnen haben, als diese Funde noch in den Innereien von VroniPlag versteckt waren. Lustig wär’s ja schon, wenn herauskäme, dass die Uni ein Verfahren abschließen konnte, noch bevor die „Internet-Plagiatsjäger“ damit rausrückten. Der Bericht betont aber auch: „Bloße Denunziationen bleiben unbeachtet.“[5] Wie solche Denunziationen üblicherweise aussehen, skizziert Debora Weber-Wulff so: „X is a nasty idiot, I bet s/he plagiarized.“[6]

Nichts über den Fall Schavan sagen

Auch zum Fall Schavan ergeben sich aus dem „Bericht über Plagiatsverdachtsfälle“ bemerkenswerte Aufschlüsse. So betont Rohrbacher, dass die Vertraulichkeit in den bisherigen Verfahren „regelmäßig gewahrt werden“ konnte. Angesichts des Skandals um die vorzeitige Berichterstattung über das Schavan-Gutachten ist das zunächst eine erstaunliche Behauptung. Rohrbacher wiederholt die früher geäußerte Universitätsposition, dass der Fall Schavan im Hinblick auf die Vertraulichkeit eher unregelmäßig war:

„Gerade in diesem Fall waren außerordentliche und mit erheblicher Mehrbelastung verbundene Vorkehrungen zur Wahrung der Vertraulichkeit getroffen worden.“[5]

Die Verantwortung für das Leak weist er von sich und betont, dass

„das Verfahren von Beginn an und während seiner gesamten Dauer von außerordentlich intensiven und erfindungsreichen Versuchen der Abschöpfung von Informationen wie auch der Einflussnahme begleitet war“.[5]

Einiges davon hat seit Mitte Oktober 2012 Eingang in dieses Blog gefunden. Aber wenn Rohrbacher das so außerordentlich betont, kann man wohl davon ausgehen, dass es weitere Beeinflussungsversuche und erfindungsreiche Informationsbeschaffungsmaßnahmen gab, die allenfalls von einer künftigen Plagiatsgeschichtsschreibung aus den Akten rekonstruiert werden können.

Wissenschaftshygienisches Zukunftsprogramm

Rohrbacher schreibt, dass „mit einem ‚Verschwinden‘ des Problems Plagiatsverdachtsfälle sicher nicht zu rechnen“ sei. Aufgrund der Verantwortung der Wissenschaft zur Qualitätssicherung bei Promotionen könne daher „die interne Handlungsanweisung nur lauten: ‚Augen auf und durch.'“[5] Das wirkt zunächst seltsam vertraut, da die allermeisten großen Wissenschaftsorganisationen sich zuletzt zu dem Motto bekannt haben:

Es gibt kein Problem mit Wissenschaftsbetrug – solange niemand drüber redet

Doch halt! Rohrbacher gibt ja gar nicht die Parole „Augen zu und durch“ aus, zu ergänzen um „Ohren zu“ und „Klappe zu“! Man muss es vielleicht mehrfach lesen, aber da steht:

„Augen auf und durch“!

Statt eine Kultur des Wegschauens, des Leugnens und des Kleinredens zu propagieren, wie sie zuletzt Stefan Weber an einem Fall der TU Dresden vorführte,[7] wollen die Düsseldorfer offenbar auch in Zukunft hinschauen und „in jedem Verdachtsfall tätig [werden], der der Fakultät zur Kenntnis gelangt“.[5] Der vom Umgang von Hochschulen mit Plagiatsfällen wieder und wieder enttäuschte Plagiatsgutachter Weber applaudiert zu Recht:

„Was in diesem Dokument geschrieben steht, gibt einem den Glauben an eine korrekt verfahrende Wissenschaft ein wenig zurück.“[8]

Ein wenig. Denn ironischerweise erklärte ja jüngst eine große Tagung des Wissenschaftsrates, dass die Sanktionierung von Wissenschaftsbetrug im Wesentlichen unmöglich sei, weil ja jeder Einzelfall einzigartig und umstritten sei, und Gewissheit über das Vorliegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens – oder was diese Bezeichnung überhaupt bedeuten solle – unter diesen Umständen grundsätzlich nicht zu erringen sei.[3] Wenn etwas durch einen Wissenschaftler hindurch denke, dann könne man ihm daraus ja keinen Vorwurf machen, sondern sollte lieber die Ehrendoktorate bereitmachen, ergänzten die weisesten der versammelten Experten.[3]

Ein wenig. Denn zudem stellt die konsequente Ermittlung in Verdachtsfällen wissenschatlichen Fehlverhaltens die rechtlich zuständigen Fakultäten vor größere Umsetzungsprobleme: Allein der Promotionsausschuss, der mit Sachstandsermittlung und Vorverfahren befasst ist, betreue derzeit drei Verfahren parallel. Jedes erfordere mindestens vier Monate Sachstandsermittlung, bevor weitere Schritte erfolgen könnten, jedoch eher mehr.

Neben den Erfordernissen einer sorgfältigen Überprüfung, unabhängig von Plagiatsdokumentationen im Internet eigenständig zu ermitteln und dabei auch auf den Einsatz von Plagiatssoftware zu verzichten, dürfte ein Faktor besonders schwer ins Gewicht fallen, nämlich dass „für diese Tätigkeiten im Promotionsausschuss regelmäßig keine besonderen personellen Kapazitäten zur Verfügung stehen und zu ihrer Erledigung eine Freistellung von regulären Dienstaufgaben nicht möglich ist“. Keine personellen Kapazitäten – und keine Freistellung von sonstigen Aufgaben? Ja, dann bietet der Promotionsausschuss der Düsseldorfer Philosophischen Fakultät derzeit wohl die schlechtesten Jobs der Welt.

Galgenhumor?

Wenn Rohrbacher seinen Bericht schließt, indem er ausdrücklich den Titel der erwähnten Wissenschaftsratstagung „Wissenschaft in der Verantwortung“[3] zur Maxime erhebt und ausgerechnet hieraus seine „interne Handlungsanweisung“ für die Fakultät ableiten will,[5] kann das angesichts der programmatischen Gegensätzlichkeit im Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten und in Anbetracht der kaum verhohlen gegen Düsseldorf gerichteten Tendenz dieser Tagung bloß sarkastisch gemeint sein: In der Präambel zum Tagungsprogramm heißt es doch: „Die Wissenschaft muss […] signalisieren, dass sie ihre Verantwortung ernst- und wahrnimmt“.[9] Die Düsseldorfer Philosophische Fakultät will aber offenbar nicht bloß signalisieren, sondern auch etwas unternehmen.

Die „Handlungsanweisung“, der sie dabei bisher folgte und weiter folgen will, ist von so bestechender Einfachheit, dass man sie gar nicht oft genug wiederholen kann:

Augen auf und durch!

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8 Antworten zu “Düsseldorfer Plagiatsverfahren: Keine Angst vor Transparenz

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  3. Mit Prodekan Rohrbacher und Dekan Bleckmann ist Schavan einfach einer Jahrhundert-Konstellation zum Opfer gefallen. Bleckmann gilt an der HHU als bester Dekan aller Zeiten. Ein witziges Duo, das den Rücken nicht krumm machen wollte, obwohl der Preis dafür enorm war. Das Verfahren wurde mustergültig geführt. Frau Schavan verweigert immer noch die Veröffentlichung der Unterlagen. Sie wird wissen warum.

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